
September 2026
SEPTEMBER
Die Kunst, etwas zu Ende gehen zu lassen
Der September ist ein merkwürdiger Monat.
Noch kann die Sonne warm sein. Noch sitzen Menschen draußen. Noch riecht ein Nachmittag manchmal nach Sommer. Und trotzdem hat sich etwas verändert.
Das Licht fällt anders.
Die Abende schließen früher.
Und vielleicht ist es gerade diese Mischung, die uns berührt: Etwas ist noch da – und zugleich beginnt es bereits zu gehen.
Wir Menschen sind nicht besonders gut im Dazwischen.
Wir mögen Anfänge. Sie versprechen Bewegung, Möglichkeit, Veränderung. Und wir mögen klare Enden, zumindest theoretisch, weil wir dann wissen, woran wir sind.
Aber Übergänge?
Diese sonderbaren Zeiten, in denen das Alte nicht mehr ganz trägt und das Neue noch keine Gestalt hat?
Da werden wir schnell unruhig.
Wir möchten wissen, was jetzt kommt. Wir möchten Entscheidungen treffen, Pläne machen, Dinge einordnen. Manchmal beginnen wir sogar, an uns selbst herumzuarbeiten, nur damit dieses unangenehme Gefühl von Unbestimmtheit verschwindet.
Dabei ist nicht jede Unruhe ein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft.
Manchmal ist sie einfach die psychische Begleitmusik eines Übergangs.
Unser inneres System liebt Vertrautheit. Nicht unbedingt deshalb, weil das Vertraute gut ist, sondern weil es bekannt ist. Wir wissen, wie wir uns darin bewegen müssen. Wir kennen die Rollen, die Abläufe, die Erwartungen.
Selbst Dinge, die uns längst nicht mehr guttun, können sich vertrauter anfühlen als etwas Neues, das vielleicht viel besser zu uns passen würde.
Deshalb können Veränderungen, die wir uns sogar gewünscht haben, überraschend irritierend sein.
Ein Kind zieht aus.
Eine Arbeit endet.
Eine Beziehung verändert sich.
Der Körper wird älter.
Eine Überzeugung, die jahrelang Halt gegeben hat, passt plötzlich nicht mehr.
Oder wir merken einfach eines Morgens: So wie bisher möchte ich nicht weiterleben.
Noch wissen wir aber nicht, wie stattdessen.
Genau dort beginnt diese Zwischenzeit.
Psychologisch ist sie nicht besonders spektakulär.
Und vielleicht gerade deshalb so anspruchsvoll.
Es gibt noch keine neue Identität, auf die wir uns stützen können. Keine fertige Antwort. Keine Geschichte, die wir schon erzählen könnten.
Nur dieses leise Wissen:
Etwas stimmt nicht mehr ganz.
Ich glaube, wir unterschätzen, wie viel Mut es braucht, einen solchen Zustand nicht sofort zu beseitigen.
Nicht gleich eine Lösung daraus zu machen.
Nicht sofort ein neues Ziel zu formulieren.
Nicht jede innere Unsicherheit mit Aktivität zu beantworten.
Manchmal besteht Entwicklung zunächst darin, eine Weile nicht zu wissen.
Das klingt leichter, als es ist.
Denn Nichtwissen bringt uns in Kontakt mit etwas, das wir gerne vermeiden: mit unserer Begrenztheit.
Wir können nicht alles kontrollieren.
Wir können nicht jede Entwicklung vorhersehen.
Wir können nicht verhindern, dass Menschen sich verändern, dass Beziehungen eine andere Form annehmen, dass unser Körper sich wandelt oder dass Zeiten unseres Lebens enden, obwohl wir sie gerne festhalten würden.
Vielleicht ist Erwachsensein auch das:
zu lernen, Abschied nicht erst dann wahrzunehmen, wenn etwas verschwunden ist.
Der September erzählt davon auf eine sehr unaufdringliche Weise.
Der Sommer verschwindet nicht über Nacht.
Er zieht sich zurück.
Blatt für Blatt.
Minute für Minute.
Ein wenig früher dunkel.
Ein wenig kühler am Morgen.
Nichts davon ist dramatisch.
Und gerade darin liegt etwas Tröstliches.
Nicht alles, was endet, muss zerbrechen.
Manches darf einfach ausklingen.
Auch in unserem eigenen Leben.
Vielleicht müssen wir nicht immer erst warten, bis etwas unerträglich geworden ist, bevor wir es loslassen.
Eine Rolle.
Eine Erwartung.
Eine Vorstellung davon, wie wir sein sollten.
Eine alte Loyalität.
Eine Art, uns selbst zu behandeln.
Vielleicht können wir manchmal früher bemerken:
Das war einmal wichtig.
Aber es trägt mich nicht mehr.
Das ist etwas anderes als Abwertung.
Wir müssen unsere Vergangenheit nicht schlechtmachen, um uns von ihr weiterzubewegen.
Wir dürfen anerkennen, dass etwas uns einmal geschützt, getragen oder Orientierung gegeben hat – und heute trotzdem zu eng geworden ist.
Ein Kind hält sich an einem Geländer fest, wenn es eine Treppe hinuntergeht.
Irgendwann braucht es dieses Geländer vielleicht nicht mehr.
Das macht das Geländer nicht falsch.
Und das Kind nicht undankbar.
Es ist einfach weitergegangen.
Vielleicht könnten wir unseren eigenen alten Strategien manchmal mit derselben Freundlichkeit begegnen.
Nicht:
Warum bin ich immer noch so?
Sondern:
Wofür habe ich das einmal gebraucht?
Und brauche ich es heute noch?
Diese Frage verändert etwas.
Sie macht aus Selbstkritik Neugier.
Aus Scham Geschichte.
Und aus Geschichte möglicherweise Wahlfreiheit.
Natürlich bedeutet Loslassen nicht, dass uns nichts berühren soll.
Im Gegenteil.
Manches fällt uns gerade deshalb schwer loszulassen, weil es uns viel bedeutet hat.
Ein Mensch.
Eine Lebensphase.
Eine Hoffnung.
Eine Version unserer selbst.
Vielleicht ist Trauer nicht das Gegenteil von Entwicklung.
Vielleicht ist sie manchmal ihr stiller Begleiter.
Wir trauern, weil etwas Bedeutung hatte.
Und wir gehen weiter, weil Leben Bewegung ist.
Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieses Monats.
Nicht der Neuanfang.
Nicht die Veränderung.
Sondern die Fähigkeit, an einer Schwelle zu stehen, ohne sich sofort über sie hinwegzudrängen.
Noch einmal hinsehen.
Noch einmal dankbar sein.
Vielleicht auch traurig.
Und dann langsam bemerken:
Das Licht ist anders geworden.
Und ich vielleicht auch.


















